Das Multitalent unter den Erneuerbaren

27.08.2012  | Reportagen & Blog (Bioenergie)


Biogas ist direkt speicherbar und kann bedarfsgerecht produziert werden. Deshalb sind Biogas-Einspeiseanlagen, wie die in Ramstein-Miesenbach, ein wichtiger Baustein für eine Strom- und Wärmeversorgung mit 100% erneuerbaren Energien.

Florian Stroh, Diplom-Ingenieur beim Biogasanlagen-Hersteller Ökobit, ist sichtlich zufrieden. In den vergangenen vier Wochen hat er das Ökokraftwerk in der Westpfalz schrittweise angefahren. „Gerade bei der Inbetriebnahme muss man sehr vorsichtig vorgehen, um einen sicheren Aufbau der Prozessbiologie zu gewährleisten“, erklärt der Experte. Im Frühsommer wird  die Anlage ans Netz gehen und dann stündlich rund 350 Kubikmeter Biomethan in Erdgasqualität ins vorhandene Gasnetz einspeisen. Auch Thomas Weiß, Abteilungsleiter bei der juwi Bio Service & Betriebs GmbH, freut sich über den erfolgreichen Auftakt. Nach der Inbetriebnahme wird sein Team die Anlage betreiben. Rund 1.500 Haushalte kann die Anlage in Ramstein-Miesenbach mit Wärme oder sauberer Elektrizität versorgen. Sie erzeugt jährlich mehr als 30 Millionen Kilowattstunden Energie aus nachwachsenden Rohstoffen.

 

Natürliche Rohstoffe aus der Umgebung

 

Der Aufbereitungsanlage vorgeschaltet ist eine Biogasanlage, die Biogas aus rund 34.000 Tonnen regional erzeugter Biomasse wie Mais, Gras oder Ganzpflanzensilage erzeugt. Hinzu kommen rund 5.000 Tonnen Gülle von den Landwirten der Umgebung. Das so produzierte Biogas wird in einem weiteren Prozessschritt mittels Druckwasserwäsche in der Aufbereitungsanlage zu Biomethan in Erdgasqualität veredelt. Das eingesetzte Verfahren entfernt das CO2 aus dem Biogas ohne die Zugabe von Chemikalien. Das auf diese Weise gewonnene Biomethan besitzt einen Methangehalt von mehr als 97 Prozent und erfüllt so die gesetzlich geforderte Qualität für die Einspeisung.

 

Für den wirtschaftlichen Betrieb einer konventionellen Biogasanlage mit angeschlossenem Blockheizkraftwerk braucht man zwingend einen Abnehmer für die Wärme, zum Beispiel ein Schwimmbad“, erklärt Aleksey Atanasov, Projektmanager bei der juwi. Über die Einspeisung wird diese räumliche Nähe von Biogasanlage und Blockheizkraftwerk (BHKW) entkoppelt. „Praktisch jeder Ort in Deutschland, der über Zugang zum Gasnetz verfügt, kann mit dem in Ramstein eingeleiteten Bioerdgas beliefert werden“, so Atanasov weiter. Idealerweise wird es in umweltfreundlichen BHKW zu CO2-neutralem Strom und Wärme umgewandelt. „So können wir die Energie der Biomasse mit voller Wertschöpfung umwandeln und die ganzjährig produzierte Wärme sinnvoll nutzen.“

 

Abnehmer für das  grüne Erdgas aus Ramstein gibt es bereits, beispielsweise den Betreiber eines BHKW in Bayern. „Das erzeugte Bioerdgas wird häufig virtuell verkauft“, erklärt Atanasov. „Wir speisen es regional ein, der Anlagenbetreiber in Bayern bezieht es ebenfalls regional und bezahlt uns. Verstromt wird es dann in einem BHKW. Die dabei anfallende Wärme wird vollständig genutzt und geht an einen oder mehrere Verbraucher.“ Ein weiterer potenzieller Großabnehmer befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur Anlage: Die Ramstein Airbase ist der größte Stützpunkt der US-Luftwaffe außerhalb Amerikas und einer der größten Energieverbraucher in Rheinland-Pfalz.

 

Moderne Wirtschaftspolitik für die Regionen

Das grüne Kraftwerk ist aber nicht nur ein wichtiger Baustein bei der dezentralen Versorgung mit erneuerbaren Energien. Es schafft auch Wertschöpfung vor Ort, vorwiegend in der Landwirtschaft. Das eingesetzte Substrat, das „Futter“ für den Fermenter, wird in der Nachbarschaft angebaut. Landwirtschaftlichen Betrieben bietet die Anlage deshalb gute wirtschaftliche Perspektiven: Der Anbau von Energiepflanzen stellt die Betriebe auf eine breitere wirtschaftliche Basis. Viele Höfe besitzen zudem langjährige Lieferverträge mit dem Anlagenbetreiber und haben sich so für die kommenden Jahre ein stabiles Einkommen gesichert. Auch Höfe mit Viehhaltung sind in den regionalen Rohstofffluß integriert und profitieren von der Biogasanlage in ihrer Nähe.

 

Viele Landwirte möchten aus wirtschaftlichen Gründen nicht in teure Güllelager-Technik investieren“, erzählt Andreas Neumann, Rohstofflieferant vom landwirtschaftlichen Lohnunternehmen „Ernte Plus“. „Wir holen die Gülle deshalb just in time ab. Das reduziert die Ausgaben eines Betriebs um 50.000 bis 100.000 Euro“, so Neumann. Allein in der Region Ramstein-Miesenbach werden jährlich durch den Anbau von Energiepflanzen rund 1,5 Millionen Euro umgesetzt. „Das zeigt, dass die erneuerbaren Energien moderne Wirtschaftspolitik für den ländlichen Raum darstellen“, so Achim Nottinger, Geschäftsführender Gesellschafter des Biogasexperten Ökobit.

 

Gute Gründe für die Biogaseinspeisung

 

Bioerdgas schützt unser Klima, es fördert effiziente Kraft-Wärme-Kopplung und reduziert Rohstoffimporte aus Krisenregionen. Problemlos ist es über weite Strecken transportierbar. Mit dem deutschen Gasnetz steht zudem eine hervorragend ausgebaute und weit verzweigte Infrastruktur zur Verfügung. Diese offensichtlichen Vorteile des Allrounders unter den erneuerbaren Energien haben sich längst herumgesprochen. Viele Kommunen, Stadtwerke, Landwirte oder lokal verwurzelte landwirtschaftliche Lohnunternehmen, wie im Fall Ramstein, wenden sich zunehmend mit bereits sehr konkreten Plänen für den Bau von Biogaseinspeiseanlagen an juwi. „Die Bioenergie spielt eine wichtige Rolle bei der Energieversorgung aus 100 Prozent erneuerbaren Energien“, sagt juwi-Vorstand Matthias Willenbacher. Aus diesem Grund setzt die juwi-Gruppe beim Ausbau der erneuerbaren Energien bereits seit 2004 auf Bioenergie. Und auch in diesem Segment ist juwi breit aufgestellt: So gehören Projektierung und Betrieb von Holzpelletier-Anlagen genauso zum Produktportfolio wie der Bau von Biomasse-Heizkraftwerken und von Biogasanlagen.

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