06.09.2020 / Blog, Wind, Solar / Thomas Hoch

„Die Gemeinden profitieren vom Ausbau der erneuerbaren Energien“

26 Jahre war Bertram Fleck Landrat des Rhein-Hunsrück-Kreises, er gilt als einer der Väter der Energiewende in der ländlichen Region im nördlichen Rheinland-Pfalz.

Diese wurde 2018 durch die Agentur für Erneuerbare Energien in Berlin als Energie-Kommune des Jahrzehnts ausgezeichnet und produziert heute unter anderem mit 278 Windenergie-Anlagen dreimal so viel Strom, wie im Landkreis verbraucht wird. Im Interview spricht Bertram Fleck über wirtschaftlichen Erfolg, Verantwortung für den Klimaschutz und das Mitnehmen der Menschen. 

 

Der Landkreis Rhein-Hunsrück galt viele Jahrzehnte als eher strukturschwache Region, war stark verschuldet. Wie steht der Kreis heute da?
Heute haben wir eine der niedrigsten Verschuldungsquoten in ganz Rheinland-Pfalz, viele unserer Ortsgemeinden sind inzwischen schuldenfrei und haben Rücklagen in Millionenhöhe. Unsere Arbeitslosenquote liegt bei gerade mal 3,5 Prozent und unser Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist überdurchschnittlich gewachsen. Man kann also sagen: Der Strukturwandel ist uns in dieser sehr ländlichen Region gut gelungen, der Rhein-Hunsrück-Kreis steht gut da.

 

Welche Rolle spielt die Windenergie dabei?
Den gesamten Aktivitäten im Bereich der erneuerbaren Energien fällt hierbei eine sehr entscheidende Rolle zu – und die Windenergie hat wiederum eine ganz besondere Bedeutung für die regionale Wertschöpfung und gibt dadurch neue Chancen für eine Regionalentwicklung.

 

Können Sie beziffern, wie hoch die Einnahmen durch die Windkraft für den Rhein-Hunsrück-Kreis sind?
Die Windkraft beschert uns jährlich Einnahmen in Höhe von 11,4 Millionen Euro, davon machen die Pachteinnahmen rund zwei Drittel aus. Das sind sichere Einnahmen, die den Kommunen jedes Jahr zuverlässig zur Verfügung stehen. Schaut man zudem, was in diesem Zeitraum an Wertschöpfung im investiven Bereich einmalig durch den Bau von Windenergie-Anlagen bei uns in der Region stattfand, dann kommen noch einmal rund 85 Millionen hinzu, die beispielsweise durch die Beauftragung von lokalen Unternehmen die Wirtschaft in der Region gestärkt haben. 

 

Sie haben als Landrat den Ausbau der erneuerbaren Energien und speziell auch der Windenergie im Rhein-Hunsrück-Kreis ganz maßgeblich vorangebracht. 
Vielen Dank erst einmal für das Kompliment, ich war sicherlich Motor für die Entwicklung, aber es war ein Team, das das möglich gemacht hat, ein sehr agiler Klimaschutzmanager, ein tolles Netzwerk, eifrige Ortsbürgermeister, Genossenschaften, aufgeschlossene kommunale Gremien und nicht zuletzt eine engagierte Bürgerschaft.

 

Worum ging es Ihnen denn, als sie damit begonnen haben, nur ums Geld?
Als wir Ende der 1990er Jahre begonnen haben, uns mit Energiesparen und erneuerbaren Energien zu beschäftigen, da wollten wir zunächst einmal etwas gegen unsere extrem hohen Energiekosten im öffentlichen Bereich tun.
Im Rahmen der Erstellung des Klimaschutzgesetzes hat sich zudem herausgestellt, dass unsere gesamte Region rund 290 Millionen Euro für Wärme, Strom und Verkehr ausgab und das Geld floss zum ganz überwiegenden Teil ins Ausland, wo die fossilen Energieträger herstammen. Wir wollten diese Energieimportkosten durch Energieeffizienz und Erneuerbare Energien weitestgehend in die Region zurückholen und selbst davon profitieren. 
Relativ schnell kam dann zum ökonomischen Aspekt das Thema Klimaschutz hinzu. Uns ist bewusst geworden, dass wir auch als kleine Region eine Verantwortung dafür tragen, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen. Mittlerweile sind wir überzeugte Klimaschützer!

In unseren 137 Ortsgemeinden wurde nach meiner Kenntnis kein einziger Bürgermeister oder Gemeinderat im Anschluss an ein Windenergieprojekt abgewählt. 

Wie war die Reaktion der Menschen im Hunsrück auf die neuen Anlagen, die auf einmal das Landschaftsbild veränderten?
Bei den ersten Anhörungen war die Beteiligung noch sehr gering. Es gab damals auch noch keine Anwälte aus Berlin oder München, die von Gegner engagiert wurden. Das Interesse der meisten Menschen kam eigentlich erst, als die ersten Anlagen in die Höhe schossen. Das stieß dann nicht nur auf Gegenliebe. Aber jede Generation hat die Landschaft verändert – beispielsweise mit Eisenbahnen, Autobahnen, Stromleitungen. Wir sind mit unserer Umgebung vertraut, tun uns deshalb mit Veränderungen schwer, selbst wenn die schon immer stattgefunden haben. Unsere Kinder wachsen aber heute mit Wind- und Solarenergie-Anlagen auf. 
Die große Mehrheit hat den Ausbau dann auch akzeptiert. Die Menschen haben nämlich gemerkt, dass die Gemeinde vom Ausbau der erneuerbaren Energien profitieren und wir alle etwas für den Klimaschutz tun müssen. Ich will aber nicht verschweigen, dass es auch bei uns Interessensgruppen gibt, die behaupten, die Mehrheit sei dagegen. Es gibt allerdings einen sehr stichhaltigen Beleg, dass sie damit falsch liegen: In unseren 137 Ortsgemeinden wurde nach meiner Kenntnis kein einziger Bürgermeister oder Gemeinderat im Anschluss an ein Windenergieprojekt abgewählt. 

 

Wenn ein Windpark in der Nachbarschaft gebaut wird, fürchten viele Leute um den Wert ihre Immobilie oder um Einnahmen aus dem Tourismus. Wie war es denn bei Ihnen: Sind die Menschen weggezogen und die Touristen ausgeblieben, als die Räder da waren?
Um diese Frage zu beantworten, hilft ein Blick auf die amtliche Statistik: Wir hatten im Jahr 2019 rund 4.400 Wegzüge und 5.000 Zuzüge in den Landkreis, also einen positiven Wanderungssaldo, wenn auch einen bescheidenen. Aber im Gegensatz zu vielen anderen ländlichen Regionen wachsen wir schon seit einigen Jahren. Speziell in den Ortsgemeinden, die sehr rührig sind und das Geld aus den erneuerbaren Energien gezielt für ihre Zukunft einsetzen, sind zum Teil beträchtliche Zuwächse zu verzeichnen. Zum Teil können die Gemeinden gar nicht genug Wohnungen und Bauplätze zur Verfügung stellen. Messbare Einbußen beim Immobilienwert sind jedenfalls nicht zu beobachten. 
Zum Thema Tourismus gibt es für unsere Region zwar keine spezifische statistische Auswertung, aber es gibt auch hier Hinweise der örtlichen Tourismusorganisationen dafür, dass die Windenergie dem Tourismus nicht schadet. Im Gegenteil: Wir haben tausende von Besuchern aus über 50 Nationen in der Region, die sich für unsere Energie-Modelle interessieren, In die in unserer Nachbarschaft gelegene Energielandschaft Morbach kommen jährlich sogar 30.000 Besucher, um sich die erneuerbaren Energien vor Ort anzuschauen. Dies ist ein tolles Beispiel für eine besondere Form des Tourismus.

Die Einnahmen aus der Windkraft machen uns attraktiv und fit für die Zukunft.

Gibt es besondere Projekte, die Sie während ihrer Amtszeit Dank der Einnahmen aus der Windenergie verwirklichen konnten? 
Da gibt es auf Ebene der Gemeinden ganz viele Beispiele: In Neuerkirch wurde mit einem Breitbandnetz die Digitalisierung im ländlichen Raum vorangetrieben, so dass dort jetzt Übertragungsgeschwindigkeiten von 300 Megabit möglich sind. Andernorts gibt es jetzt Bürgerbusse, Carsharing, Lasten-E-Bikes, Glühbirnen-Tauschtage, Sanierungszuschüsse, besondere Vereinsförderungen oder betreutes Wohnen. Ein ausgefallenes Beispiel ist sicher auch die 600-Einwohner-Gemeinde Mörsdorf, die mit den Einnahmen aus der Windenergie mit der Geierlay – einer 360 Meter langen Hängeseilbrücke – ein touristische Projekt gestemmt hat, das jetzt jährlich 200.000 Besucher pro Jahr anzieht.
Mit den Einnahmen aus der Windenergie haben auch viele Ortsgemeinde Energiesparrichtlinien in Form von Zuschussprogrammen aufgesetzt, durch die energetische Sanierung gefördert wird – vom Austausch des alten Kühlschranks bis zur Komplettsanierung. Es ist wirklich unglaublich, wie viele positive Beispiele sich in den Gemeinden finden lassen. Man kann also durchaus sagen: Die Einnahmen aus der Windkraft machen uns attraktiv und fit für die Zukunft.

 

Als Landrat sind sie nach 26 Jahren im Ruhestand, trotzdem setzen sich weiterhin für den regionalen Ausbau der erneuerbaren Energien ein, halten Vorträge, beraten andere Kommunen. Warum machen Sie das?
Am Anfang war für mich das Thema eine Dienstaufgabe, jetzt ist es eine Lebenseinstellung und -überzeugung. Wir müssen die Verantwortung für den Klimaschutz annehmen – in diesem Sinne möchte ich Anstöße geben und Chancen aufzeigen. Als wir als Rhein-Hunsrück-Kreis in den 1990er Jahren begonnen haben, uns mit den Themen erneuerbare Energien und Energieeffizienz zu beschäftigen, da haben wir uns auch Beispiele in anderen Regionen angeschaut. Die Best-Practices aus dem Rhein-Hunsrück-Kreis können nun anderen helfen. Eines ist mir sehr wichtig: Ich möchte meinen Kindern und Enkelkindern sagen können‚ wir haben hier unseren kleinen Beitrag zum Klimaschutz geleistet. 

 

Welchen Rat geben Sie anderen Regionen, wie man den Ausbau der Erneuerbaren vorantreiben und gleichzeitig die Bürger mitnehmen kann?
Letztlich muss natürlich jede Region ihren eigenen Weg finden, aber es gibt sicher ein paar Dinge, die hilfreich sind. Zunächst braucht es einen Motor für das Thema, jemand der den Ausbau der erneuerbaren Energien und das Energiesparen vorantreibt. Und dann ist es wichtig, sich Gleichgesinnte zu suchen und die mit einzubinden. Auch die Bürgerinnen und Bürger insgesamt sollten so früh wie möglich einbezogen und ausführlich informiert werden. Das halte ich für ganz wichtig. Wenn es dann noch gelingt, die Menschen beispielsweise über Genossenschaftsanteile direkt zu beteiligen oder über Anreizprogramme zu sensibilisieren, sie direkt profitieren zu lassen, dann ist schon viel gewonnen. 
Auf der anderen Seite sollte man sich aber auch nicht davor scheuen, den Menschen die Alternativen klar darzustellen: Wenn wir den Windpark bauen, dann eröffnet uns das als Kommune finanzielle Spielräume. Ohne das Geld müssen wir darauf verzichten. Als Verantwortlicher muss man damit umgehen können, dass gerade die Windenergie oft sehr emotional diskutiert wird.  Wer von Anfang an dagegen ist, den wird man auch mit den besten Argumenten nicht überzeugen können. 


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