23.04.2019 / Energie-Allee

„PPA bringen Entwickler und Energiemarkt näher zusammen“

Wir sprachen mit Björn Broda, juwi-Bereichsleiter Corporate Strategy, über Power Purchase Agreements (PPA) – auch als Perspektive für den deutschen Energiemarkt.

Herr Broda, in welchen Märkten haben sich PPA-Systeme gegenüber EEG-Systemen durchgesetzt?
Die wesentlichen PPA-Märkte für erneuerbare Energien liegen bisher vor allem in den USA sowie in Australien. Doch auch in Europa ist eine zunehmende Marktdynamik zu erkennen. Dies gilt für Windenergie vor allem für die nordischen Märkte, für Großbritannien, die Niederlande oder Italien. Im Bereich Photovoltaik sorgt vor allem Spanien derzeit für Schlagzeilen mit Mega-Solarparks, die auf Basis von PPA finanziert werden.


Sind PPA-Systeme denn die besseren Vergütungsregelungen?
Ob man sagen kann, dass PPA-Systeme grundsätzlich überlegen sind, ist nicht leicht zu beantworten. Richtig ist, dass in Europa die Energieerzeugung aus Wind und Sonne zunehmend wettbewerbsfähig und damit unabhängiger von Fördermechanismen wie dem EEG wird. Richtig ist aber auch, dass PPA-Strukturen in anderen Märkten teilweise auch noch durch Steuer- oder Finanzierungsvorteile oder Grünstromquoten gestützt werden.


Warum gewinnen PPA in Europa trotzdem an Bedeutung?
Hierfür gibt es verschiedene Gründe. Der wichtigste ist sicherlich, dass die Stromgestehungskosten für Wind und Solar mittlerweile so weit gesunken sind, dass beide Technologien gegenüber konventionell erzeugtem Strom wettbewerbsfähig werden. Dies gilt vor allem für Märkte mit vergleichsweise hohen Strompreisen wie in Südeuropa. Insbesondere dann, wenn es keine Ausschreibungsmechanismen in diesen Märkten gibt, sind Projektentwickler und Investoren auf alternative Vermarktungsmodelle angewiesen, mit deren Hilfe sich ein Projekt finan- zieren lässt. Dieser Bedarf trifft auf finanzierungsbereite Banken und eine zunehmende Nachfrage nach grünem Strom von Energieversorgern und -händlern sowie energieintensiven Unternehmen. Zu Letzteren zählen insbesondere Unternehmen aus dem IT-Sektor oder der Schwerindustrie.

Wer setzt außerdem auf PPA?
Auch für kundenorientierte Branchen wie Automobilhersteller und Konsumgüterunternehmen gewinnt der CO2-Abdruck an Bedeutung. Die Abnehmer des Grünstroms binden sich mit dem Liefervertrag mittel- bis langfristig und sichern sich damit auch gegen steigende Strom- und CO2-Preise ab. In Deutschland sind die Vorreiter bei PPA aber nicht die Neuanlagen, sondern alte Windanlagen, die aus der Förderung fallen. Solange die Standsicherheit besteht, können sie mithilfe eines PPA mitunter noch ein paar Jahre weiterbetrieben werden, bis die Kosten für Wartung und Instandsetzung die Markterlöse übersteigen.

Welche Erfahrungen hat juwi weltweit bereits mit PPA gemacht?
juwi kann zwei Trümpfe ausspielen: Zum einen sind wir frühzeitig international aktiv geworden und können so von den Erfahrungen der Kollegen in unseren Niederlassungen in den USA, Australien oder Südafrika profitieren. Zum anderen haben wir mit unserer Muttergesellschaft, der MVV Energie AG, einen Partner mit langjähriger Erfahrung in der Stromvermarktung. PPA bringen Projektentwickler und Energiemarkt näher zusammen.

Was sind die konkreten Herausforderungen beim Abschluss von PPA bei Neuanlagen?
Der entscheidende Paradigmenwechsel für alle Beteiligten eines PPA-Projekts besteht darin, dass sich das Chancen-Risiko-Profil an mehreren Stellen verändert und individuell vertraglich geregelt werden muss. So muss vertrieblich zu allererst ein langfristiger Stromabnehmer gefunden werden, dessen Bonitätsrisiko bei der Finanzierung bewertet werden muss. Zweitens gewinnt die langfristige Sichtweise auf den Strommarkt an Bedeutung, die über den Zeitraum hinausgeht, der mittels Forward- Kontrakten abgesichert werden kann. Es kommt dann auf den einzelnen Vertrag an, welcher Anteil der resultierenden Preisrisiken durch Indexierung, Caps oder Floors beim Erzeuger und welcher beim Abnehmer liegt. 

Gibt es weitere Risiken?
Zusätzlich stellt sich die Frage, ob der Abnehmer des erzeugten Stroms die Strommenge so abnimmt, wie es Sonne, Wind und gegebenenfalls erforderliche Abregelungen jeweils zulassen, oder ob eine bestimmte Menge garantiert wird. Die Volatilität führt zu zusätzlichen Mengenrisiken und dem Erfordernis zur Beschaffung von Ausgleichsenergie oder aber auch zu Chancen bei Mehrproduktion. Aus Sicht der finanzierenden Bank führen zunehmende Risiken zu Zinsaufschlägen oder höheren Eigenkapitalanforderungen. Gleiches gilt für die Renditeanforderung der Investoren, wenn sie im Gegensatz zum EEG-System zusätzliche Risiken tragen müssen. Die Risiken müssen in einem PPA abgebildet sein, das aber auch für den Abnehmer noch vorteilhaft ist. Das ist keine einfache Übung!

Sind PPA ein künftiges Modell für Deutschland?
Im Bereich der Finanzierung von Neuanlagen wird die Vorteilhaftigkeit von PPA vor allem durch die Entwicklung der EEG-Ausschreibungsmengen und -zuschlagspreise sowie durch das Strompreisniveau beeinflusst. Diese Faktoren bremsen für den deutschen Markt derzeit noch die stärkere Verbreitung von PPA. Die Preisentwicklung spricht hier bei Neuprojekten zurzeit eher für PPA im Solarbereich. Politische Eingriffe wie ein konsequenter und schneller Kohleausstieg können die Spielregeln aber rasch ändern. In Deutschland fehlen daher bislang für die PPA-Finanzierung vor allem noch ausreichend Referenzprojekte, und damit steht der breite Praxistest für die Banken- beziehungsweise Projektfinanzierung noch aus. Entsprechend haben sich auch noch keine Vertragsstandards herausgebildet, welche die Finanzierung vereinfachen würden.


Stichwort Finanzierung: Lassen sich Projekte mit relativ kurz laufenden PPA überhaupt finanzieren?
Kurz laufende PPA erschweren natürlich die Finanzierung eines Projektes, sodass die Mehrzahl der PPA im Ausland mittel- bis langfristig läuft. Gleiches gilt für die Frage, wie hoch der Anteil der über PPA vermarkteten Stromproduktion der Anlage ist. Allerdings ist hier der Risikoappetit von Investoren und Banken zum Teil sehr unterschiedlich.

Was bedeutet das für die Akteure?
Für Projektentwickler wie uns können die PPA vor allem einen weiteren Vermarktungskanal bedeuten, der die Marktentwicklung weniger abhängig von Ausschreibungen und deren Anforderungen für Genehmigungen oder Flächen macht. Gleichzeitig sinkt die Gefahr von rückwirkenden Eingriffen in staatliche Subventionen für die Anlagenbetreiber. Auf der Abnehmerseite bedeutet die erforderliche Bonität, dass tendenziell eher Großunternehmen und Energieversorger die mit lang laufenden Verträgen verbundenen Risiken tragen können. Alle Seiten müssen künftig ebenso wie Banken und Investoren PPA verstehen, detailliert bewerten und verhandeln können. Die individuellen Präferenzen bei einzelnen Vertragselementen machen dann die Vergleichbarkeit verschiedener Projekte schwieriger.

Feste Einspeisetarife wie im EEG haben Wind, Sonne und Co. in vielen europäischen Ländern den Durchbruch verschafft. Sehen wir nun bald ein Ende dieser gesetzlichen Regelungen?
Jeder redet derzeit vom Ende des EEG und meint damit das Ende der finanziellen Förderung. Viele Beispielprojekte mit PPA in Europa zeigen, wie wettbewerbsfähig die erneuerbaren Energien geworden sind und sich damit aktuell selbst am Markt finanzieren lassen. Bei der reinen Betrachtung der Stromgestehungskosten werden aber oft die langfristigen Auswirkungen des Ausbaus von Wind und Photovoltaik auf den Strompreis vernachlässigt. Nicht nur die Volatilität nimmt zu, es kann auch zu Kannibalisierungseffekten kommen, die den Marktwert des Stroms zeitweise deutlich nach unten drücken. Ob diese Preisrisiken für alle erforderlichen Neuprojekte rein auf Basis eines marktbasierten PPASystems getragen werden können, ist für mich noch offen. Auch glaube ich nicht, dass der erforderliche Netzausbau und dessen Steuerung vollständig dem Markt überlassen werden wird. Vieles spricht daher für eine evolutionäre Entwicklung, in der gesetzliche und Marktelemente nebeneinander bestehen. So werden trotz zunehmender Bedeutung der PPA auch Bestandteile des EEG zumindest vorläufig ihre Bedeutung behalten. 

Björn Broda beschäftigt sich leidenschaftlich mit strategischen Fragestellungen, neuen Geschäftsmodellen und internationalen Energiemärkten. Mit langfristigen Energielieferverträgen kam er bereits vor über 15 Jahren im Gashandel in Kontakt. Stationen auf verschiedenen Führungspositionen im Finanz-, Strategie- und M&A-Bereich in der Energiewirtschaft führten ihn 2016 zu juwi. Seit 2018 leitet er den Bereich Corporate Strategy, Communications & Public Affairs.

Was ist ein PPA?
Ein Power Purchase Agreement (PPA) bezeichnet einen individuell gestaltbaren Stromliefervertrag zwischen einem Erzeuger von erneuerbarem Strom und einem Abnehmer. Ein PPA enthält vor allem Regelungen zu den Vertragsparteien, zu Preisbildung, Mengen, Dauer, Sicherheiten, Vertragsanpassungen und Herkunftsnachweisen. In Abwesenheit einer festen Einspeisevergütung bildet es die Basis der Finanzierung und des Betriebs eines Erneuerbare-Energien- Projektes. Je nachdem, ob der Strom physisch geliefert wird oder lediglich eine finanzielle Absicherung an der Strombörse erfolgt, werden „Financial PPA“ und „Physical PPA“ unterschieden. Der Abnehmer kann ein Industrie- bzw. Gewerbekunde (Corporate PPA) oder ein Energieunternehmen bzw. -händler (Utility PPA) sein. Der Strom wird über eine Direktleitung (Direct Wire PPA) oder über das öffentliche Netz (Sleeved PPA) geliefert.


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