09.09.2019 / OM Praxisnews

„DIE TR 10 ERFORDERT EINE SEHR STRUKTURIERTE BETRIEBSFÜHRUNG“

Die Standortgüte für Windenergie-Anlagen spielt im aktuellen EEG eine besondere Rolle. Wir sprachen mit Wind-Operations-Leiter Thomas Kretzschmar darüber, was Betreiber bei der fünfjährigen Überprüfung zu beachten haben.

 

Was hat es mit der Technischen Richtlinie 10 denn genau auf sich?
Um beim Ausschreibungsverfahren möglichst gleiche Wettbewerbsbedingungen zwischen Standorten mit unterschiedlichem Energiepotenzial zu schaffen und damit einen regional breit verteilten Ausbau der Windenergie zu ermöglichen, hat der Gesetzgeber mit der EEGNovelle 2017 einen Ausgleichsfaktor für die Standortgüte geschaffen. Für Standortgüten zwischen 70 und 130 Prozent gilt der Grundsatz: Je niedriger die Windhöffigkeit, desto höher ist der Vergütungssatz und umgekehrt. Nun muss im Nachhinein überprüft werden, ob ein 80 Prozent Standort auch tatsächlich ein 80 Prozent Standort ist. Deshalb ist alle fünf Jahre eine Überprüfung durch einen externen Gutachter zwingend vorgeschrieben.

Welche Konsequenzen hat eine Abweichung der nachberechneten Standortgüte gegenüber der prognostizierten Standortgüte?
Weicht die ermittelte Standortgüte mehr als zwei Prozent von der prognostizierten Standortgüte ab, erfolgt eine Anpassung des Korrekturfaktors und das rückwirkend für die letzten fünf Betriebsjahre. Entsprechend wird dann der Vergütungswert angepasst und ist gleichzeitig die Basis für die nächsten fünf Betriebsjahre. Ein Beispiel: Bei einer drei Megawatt Anlage mit mittlerem Ertragspotential und 60 Euro pro Megawattstunde Vergütung bedeutet eine Abweichung von fünf Prozent über fünf Jahre eine Anpassung in Höhe von 112.500 Euro. Das heißt, wenn der Prognosewert in diesem Beispiel um fünf Prozent übertroffen wurde, muss der Betreiber rund 112.500 Euro zurückzahlen und bekommt in den nächsten fünf Jahren nur noch 57 Euro pro Megawattstunde. Da er einen entsprechenden Mehrertrag erzielt haben sollte, bedeutet das grundsätzlich keinen Verlust für ihn, aber er muss nach fünf Jahren ausreichend Liquidität für die Rückzahlung haben. 

Und wie soll die Überprüfung konkret ablaufen?
Wie häufig bei solchen Gesetzen, muss die operative Umsetzung jetzt noch genau definiert werden. Zum jetzigen Zeitpunkt gilt: Es gibt noch keine akkreditierten Gutachter für die Überprüfung der Standortgüte nach der Technischen Richtlinie 10. Es ist allerdings zu erwarten, dass die bekannten Gutachterbüros auch diese Aufgabe übernehmen – genaueres werden wir wohl aber erst Anfang 2020 wissen. Klar ist aber: Wir als Betriebsführer können die Nachberechnung nicht übernehmen, da wir hier nicht als unabhängige Instanz gelten und außerdem die Akkreditierung eine Voraussetzung für die Nachberechnung einer Standortgüte ist.

Die juwi Operations & Maintenance ist bei der Sache also außen vor?
Nein, ganz und gar nicht. Für die Gutachten sind wir der Datenlieferant, wir müssen im Auftrag der Betreiber sicherstellen, dass alle notwendigen Betriebsdaten und Belege über den gesamten Zeitraum auch zur Verfügung stehen. Kann die Ursache eines Ausfalles nicht nachvollziehbar belegt werden, nimmt der Gutachter eine virtuelle Produktion an. Im schlimmsten Fall kann die virtuelle Produktion zu einer Minimierung des Vergütungssatzes führen. Der Betriebsführer muss über den gesamten Zeitraum die Ertragsdaten auf zehn Minuten Basis, die Statuscodes und zudem die Informationen zur Verfügbarkeit liefern. Für sämtliche Nichtverfügbarkeiten muss der Grund durch entsprechende Belege dokumentiert werden. Die Daten- und Dokumentenverwaltung ist also immens wichtig. Das alles erfordert eine sehr strukturierte, professionelle Betriebsführung. Wenn nämlich tatsächlich Daten fehlen, wird ein virtueller Betrieb angenommen – und das ist in aller Regel zum Nachteil des Betreibers.

Gibt es einen konkreten Rat, den Sie den Betreibern von Neuanlagen mit Blick auf die TR 10 geben?
Unsere Empfehlung lautet ganz klar: Auch wenn nach der gesetzlichen Anforderung die Überprüfung nur alle fünf Jahre stattfinden muss, sollte der Gutachter mit einer jährlichen Überprüfung beauftragt werden. Das hat zwei wesentliche Vorteile: Zum einen ist es in diesem Zeitrahmen in der Regel noch möglich, fehlende Informationen und Dokumente zu beschaffen, falls doch einmal etwas fehlt. Zum anderen kann der Betreiber so aber auch deutlich besser selbst kalkulieren und je nach Situation Rückstellungen bilden oder auflösen. Der Mehraufwand und damit die Mehrkosten einer jährlichen Überprüfung gegenüber der einmaligen Überprüfung nach fünf Jahren sollte nach unserer Einschätzung jedenfalls nicht sehr groß sein.

Zur Person: Thomas Kretzschmar arbeitet seit Mitte 2009 bei juwi und hat seither die technische Kundenbetreuung in unterschiedlichen Konstellationen verantwortet. Seit Januar 2017 leitet er die Abteilung Wind Operations mit der technische Kundenbetreuung Wind, dem Back Office Wind, dem Service Wind und seit Mitte des Jahres auch die Leitwarte Wind und Solar.


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