11.08.2020 / Blog, Menschen / Thomas Hoch

„Ich mache das Beste daraus“

Die Pflege von Angehörigen ist eine besondere Herausforderung, besonders wenn man gleichzeitig auch beruflich stark engagiert ist. juwi-Mitarbeiterin Ulrike Göbbels erzählt, wie ihr dies – auch mit Hilfe ihres Arbeitgebers – gelingt.

Vorbereitungszeit gab es für Ulrike Göbbels nicht: Nach einem Sturz ihres Vaters im Februar 2019 musste sie von heute auf morgen reagieren. Aus dem Krankenhaus sollte der damals 80-Jährige direkt über hundert Kilometer von seinem Wohnort in Rheinhessen entfernt in die Reha – und da ihr Vater von dem Unfall noch immer sehr verwirrt war, konnte und wollte sie ihn nicht alleine in diesem Zustand in die fremde Umgebung geben. 

Verständnisvoller Chef

„Ich war gerade erst aus dem Rechnungswesen in die Steuerabteilung bei juwi gewechselt und musste jetzt mit meinem neuen Chef sprechen, wie ich meine Arbeit und die Betreuung meines Vaters bewerkstelligen kann“, erzählt Ulrike. Der war zum Glück sehr verständnisvoll: „Mach dir keinen Kopf, fahr hin“, erinnert sie sich noch sehr gut an die Worte von Oliver Baum, ihrem Vorgesetzten.

Also ist sie mit ihrem Vater in die Reha gefahren und hat von dort weiter gearbeitet – im Schnitt sechs Stunden am Tag. „Das hat erstaunlich gut funktioniert. Mir kam damals sehr entgegen, dass juwi beim Thema mobiles Arbeiten schon vor der Corona-Pandemie sehr weit war“, sagt Ulrike. 

Inzwischen ist für Ulrike aus dem anfänglichen Ausnahmezustand eine langfristige Herausforderung geworden. Da sie auch vorher schon beruflich wie privat sehr engagiert war und eher zu wenig als zu viel Zeit hatte, musste sie ihr halbes Leben umorganisieren. Nach der Reha-Maßnahme mussten beispielsweise Sozialstation und Tagespflege organisiert werden, so dass der Alltag zu Hause wieder funktioniert. „Insgesamt hat es mir da schon sehr geholfen, dass mir meine Vorgesetzten flexibles Arbeiten ermöglicht haben und ich über das juwi-Wertekonto auch Minusstunden ausgleichen konnte. Die Möglichkeiten, die juwi hier bietet, finde ich wirklich sehr hilfreich.“

Auch in dem Zustand, in dem sich mein Vater befindet, gibt es richtig schöne Momente.

Nicht nur Last und Arbeit

Als dann bei ihrem Vater auch noch die Diagnose ‚Parkinson‘ hinzukam, war für sie aber klar: Bei aller Flexibilität – mit einer Vollzeitstelle lässt sich die familiäre Aufgabe auf Dauer nicht bewältigen. Seit einem guten Jahr arbeitet Ulrike ‚nur noch‘ 30 Stunden für juwi. Das ändert freilich nichts daran, dass die in Zwickau aufgewachsene Frau beruflich voll eingebunden ist und anspruchsvolle Aufgaben zu meistern hat – und das ist ihr auch wichtig. Noch in der DDR hat sie Finanzkauffrau gelernt, später dann die IHK-Prüfung zur Bilanzbuchhalterin und anschließend auch zur internationalen Bilanzbuchhalterin absolviert. Sie sucht die berufliche Herausforderung. In der juwi-Steuerabteilung ist sie für Betriebsprüfungen zuständig, seit kurzem ist sie zudem Teil eines SAP-Projektteams und vertritt hier federführend den gesamten Bereich Accounting.

„Ich habe zum Glück kein Umschaltproblem“, sagt sie zu ihrem ständigen Wechsel zwischen den zwei sehr unterschiedlichen Aufgaben Pflege und Beruf. Ohne Disziplin und Planung wäre es allerdings kaum möglich, beide Seiten unter einen Hut zu bringen. Ihre Einstellung spielt dabei wohl auch eine entscheidende Rolle. „Mein Motto ist: Nimm es, wie es kommt und mache das Beste daraus. Wer alles nur als Last und Arbeit betrachtet, wird das nicht lange durchhalten“, erklärt Ulrike. „Auch in dem Zustand, in dem sich mein Vater befindet, gibt es richtig schöne Momente. Ich genieße es, mit meinen Eltern am Kaffeetisch zu sitzen und ein Spiel zu spielen oder ich begleite sie gerne in die Chorprobe.“ Trotz aller Einschränkungen möchte sie ihrem Vater und ihrer Mutter eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen. 

Corona bringt zusätzliche Einschränkungen 

Umso einschneidender waren dann die Veränderungen, die die Corona-Pandemie mit sich gebracht haben. „Wir haben erst einmal sämtliche externe Hilfe gekündigt, um meinen Vater vor einer Ansteckung zu schützen und uns sieben Wochen lang komplett alleine um ihn gekümmert – meine Mutter und ich“, erzählt Ulrike. Inzwischen ist zum Glück wieder etwas mehr Freiheit auch für ihren Vater möglich. Das gibt Ulrike die Möglichkeit alles so zu organisieren, dass sie im September zusammen mit ihrem Mann zwei Wochen in Urlaub fahren kann. Gerade die kleineren und größeren Auszeiten sind für pflegende Angehörige wichtig, betont Ulrike: „Natürlich bin ich manchmal erschöpft und natürlich ist das für mich auch ein emotionales Thema. Gerade deshalb achte ich auf mich selbst, ernähre mich gesund, mache meinen Sport auf dem Hometrainer und gehe sonntags mit meinem Mann wandern. Diese Dinge tue ich ganz bewusst, damit es mir gutgeht.“

Welche Ratschläge kann sie anderen pflegenden Angehörigen sonst noch geben? „Man sollte auf jeden Fall Hilfe annehmen. Wer das nicht kann, muss es lernen“, sagt Ulrike. Und ganz zum Schluss fällt ihr noch ein sehr praktischer Tipp ein: Gerade die Pflegestützpunkte sind eine wichtige Anlaufstelle. Denn bei allen sonstigen Herausforderungen ist Pflege auch ein Thema, bei dem viele Dinge mit Ämtern und Behörden zu regeln sind. 


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