29.11.2021 / Blog, Wind / Thomas Hoch

„Mit dem Thema Infraschall lassen sich leicht Unsicherheiten streuen“

Eine staatliche Behörde hat 4.000-fach zu hohe Infraschall-Werte für Windenergie-Anlagen veröffentlicht und so für Verunsicherung bei Anwohnern gesorgt. Der Geoökologe und Umweltwissenschaftler Dr. Stefan Holzheu hat den Fehler aufgedeckt.

Herr Holzheu, wie gefährlich ist denn Infraschall für den Menschen?
Auch für Infraschall gilt die Formel: Die Dosis macht das Gift. Infraschall wird dann gefährlich, wenn die Schalldrücke sehr, sehr hoch sind. Faktisch ist es aber so, dass diese Schalldrücke nirgends vorkommen. Um es kurz zu sagen: Infraschall ist nicht gefährlich.

Was genau ist denn eigentlich Infraschall?
Allgemein bezeichnet man alle Druckvariationen mit einer Frequenz von kleiner 20 Hertz als Infraschall. Es gibt aber eigentlich keine ganz scharfe Grenze zwischen hörbarem Schall und Infraschall. 

Wenn man sich die Diskussion um Infraschall anschaut, dann könnte man meinen, Windenergie-Anlagen wären die einzige Quelle dafür. Das stimmt ja nicht…
Wenn man bei Google den Suchbegriff Infraschall eingibt, stehen fast alle Treffer in Zusammenhang mit der Windenergie. Man kann also durchaus den Eindruck gewinnen, Infraschall tritt nur bei Windenergie-Anlagen auf. Das ist aber völliger Quatsch, Infraschall gibt es schon immer. Die allergrößte Infraschallquelle ist der ganz normale Wind, der Druckschwankungen in allen Frequenzbereichen erzeugt. Eine andere große Infraschallquelle ist die Meeresbrandung. Aber es gibt auch viele künstliche Quellen wie den Verkehr. Also überall, wo Bewegung drinsteckt, entsteht Infraschall. Besonders stark sind die Schalldrücke in einem PKW oder neben einem Trampolin, das viele Menschen für ihre Kinder im Garten stehen haben. 

Nun könnte man ja sagen: Selbst wenn es auch andere Infraschellquellen gibt, vielleicht ist der Infraschall von Windenergie-Anlagen besonders stark. Was ist da dran?
Das ist einfach falsch. Die Windenergie-Anlagen sind relativ schwache Infraschallquellen. Ich habe einmal eine Messung gemacht und den Infraschall auf einer Autofahrt von meinem Wohnort Harsdorf nach Hessen gemessen. Anschließend habe ich die komplette Infraschallenergie für die dreieinhalb-stündige Fahrt berechnet und mit einer Windenergie-Anlage verglichen. Das Ergebnis war: Durch die dreieinhalb Stunden Autofahrt haben wir uns der gleichen Infraschallenergie ausgesetzt, wie wenn ich mich 27 Jahre in 300 Meter Entfernung neben unser Harsdorfer Windrad stelle. Die Behauptung, der Infraschall von Windenergie-Anlagen ist besonders hoch, ist also absurd. Das Gegenteil ist der Fall: Die Schalldrücke an Windenergie-Anlagen sind sehr niedrig.

Windkraftgegner haben sich jahrelang auf eine Untersuchung der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) berufen, die eine erhebliche Infraschallbelastung für Anwohner selbst in Entfernung von mehreren Kilometern zu einer Windenergie-Anlage konstatiert. Sie haben der BGR einen gravierenden Rechenfehler nachgewiesen. Wie sind Sie darauf gestoßen? 

Angefangen hat es damit, dass ich mir die Kurven von der BGR einfach mal genauer angeschaut habe. Dort waren Pegel, die gingen in den Modellrechnungen bis zu 130 Dezibel hoch und lagen bei den Messungen zum Teil auch noch bei 90 Dezibel – das ist extrem viel. Ich habe das verglichen mit anderen Messungen zum Beispiel von der Landesanstalt für Umwelt in Baden-Württemberg und habe dann festgestellt: Die haben ja nur 60 Dezibel gemessen. Im Vergleich zu den 90 Dezibel vom BGR ist dies ein Unterschied von mindestens einem Faktor 1.000. Das war eigentlich gar nicht vorstellbar. Also habe ich die BGR angeschrieben und darauf aufmerksam gemacht, dass da offenbar ein Fehler drin ist. Ich hatte erwartet, dass die BGR das nachrechnet und das Ganze auf einem vernünftigen wissenschaftlichen Weg klärt und den Fehler korrigiert. 

Aber das war nicht der Fall?
Richtig. Das BGR hat versucht, den Fehler unter den Tisch zu kehren und sogar die eigene Rechtsabteilung ins Spiel gebracht. Für mich war der Fehler aber so offensichtlich, dass ich gesagt habe: Das muss schon geklärt werden, insbesondere weil Windkraftgegner mit diesen hohen Zahlen auf extreme Weise Stimmung gemacht haben. Bis März 2021 hat sich die BGR aber strikt geweigert einen Fehler zu erkennen. Erst als der Akustiker Dr. Johannes Baumgart ein zusätzliches wissenschaftliches Diskussionspapier eingereicht hat und auch der Erlanger Physikprofessor Martin Hundhausen bei der Physikalisch Technischen Bundesanstalt (PTB) nachgebohrt hat, kam die Sache so richtig in Bewegung. Dann hat sich die PTB, auf die sich die BGR lange berufen hat, eine Berechnung veröffentlicht, die klar im Widerspruch zur BGR stand. Irgendwann war die BGR tatsächlich soweit und hat gesagt: Oh, wir haben einen Rechenfehler gemacht. Die Schallpegel waren einen Faktor 4000 zu hoch.

Nun gibt es auch Mediziner, die vor den Gefahren durch den Infraschall für den Menschen warnen. In diesem Zusammenhang wird häufig ein Versuch des ehemaligen Direktors der Herzchirurgie an der Uni-Klinik Mainz, Christian-Friedrich Vahl, genannt. Was sagen Sie zu seinen Untersuchungen?
Der Versuch ist physikalischer Blödsinn. Er verwendet keine druckdichte Box und das führt dazu, dass der Lautsprecher gar keinen richtigen Schalldruck entwickeln kann, sondern vor allem viel Wind produziert. Der Versuchsaufbau ist überhaupt nicht vergleichbar mit einem tatsächlichen Infraschallsignal im Fernfeld. Außerdem sind die Schalldrücke ohnehin jenseits von Gut und Böse. Professor Vahl hat Effekte erst bei 120 Dezibel festgestellt. Das ist aber um einen Faktor eine Million höher im Vergleich zum Infraschall einer Windenergie-Anlage. Aus solch einem Versuch die Gefährdung durch den schwachen Infraschall einer Windenergie-Anlage abzuleiten, ist das gleiche Niveau, wie wenn man sagen würde: Die homöopathischen Globoli-Kügelchen verursachen schwere Alkoholvergiftungen. 

Ich denke, dass das Thema Infraschall von bestimmten politischen Gruppen und Lobbygruppen forciert wurde, als sie gemerkt haben, damit lassen sich Leute gegen die Windenergie mobilisieren.

Haben Sie denn eine Theorie, warum das Thema Infraschall gerade in Zusammenhang mit Windenergie-Anlagen so häufig angeführt wird?
Ich denke, dass das Thema Infraschall von bestimmten politischen Gruppen und Lobbygruppen forciert wurde. als sie gemerkt haben, damit lassen sich Leute gegen die Windenergie mobilisieren. Ich glaube nicht, dass es Wissenschaftler waren, die die Physik nicht richtig verstanden haben. Sondern nach meiner Überzeugung war es eher eine Interessensgruppe, die gemerkt hat, mit diesem Thema können sie etwas bewegen. Ähnliche Entwicklungen sind ja auch beim Thema Klimawandel zu beobachten. Auch da haben wir Akteure, die bewusst versuchen, Unsicherheit in der Bevölkerung zu streuen, was die wissenschaftliche Faktenlage betrifft. Und mit dem Thema Infraschall lassen sich nun einmal leicht Unsicherheiten streuen. 

Wann haben Sie sich persönlich das erste Mal intensiver mit dem Thema Infraschall beschäftigt?
Ich bin Umweltwissenschaftler und da gibt es ein Topthema: den Klimawandel – und der ist ein ganz ernstes Problem. Die Windenergie ist eine ganz wichtige Schlüsselindustrie, die wir brauchen, um regenerative Stromversorgung zur Verfügung zu stellen. Als vor vielen Jahren dann in meiner Heimatgemeinde ein Windpark geplant wurde, kam auch das Thema Infraschall hoch. Ich habe mir das damals mal angeschaut und kam sofort zu dem Ergebnis: Da ist eigentlich nichts dran. Aber dann ist das Thema immer wieder aufgetaucht, wenn neue Windkraft-Projekte kamen. Ganz extrem war es zum Jahreswechsel 2019/2020 als in der Nähe von Bayreuth ein Windpark geplant wurde und eine lokale Bürgerinitiative extrem mit dem Infraschallargument Stimmung gemacht hat. Als ich gesehen habe, dass es der Bürgerinitiative gelungen ist mit einem solchen Luftargument eine wichtige Zukunftsentwicklung weg von Kohle, Öl und Gas zu verhindern, dachte ich: Wir müssen in der Wissenschaft eine saubere Antwort auf diesen Unsinn finden. 

Aufgrund Ihrer Forschungen wird Ihnen ja mitunter vorgeworfen, dass sie von der Windkraftindustrie dafür bezahlt werden. Was ist denn ihre Motivation für ihre Arbeit und welchen finanziellen Nutzen haben Sie durch sie?
Die Motivation ist ganz einfach: Ich bin Wissenschaftler und fast alle Wissenschaftler haben einfach nur ein Interesse an einer objektiven wissenschaftlichen Darstellung. Und das habe ich auch. Im Bereich Infraschall gibt es leider viele schwarze Schafe, die sich zwar Wissenschaftler nennen, aber bewusst Desinformation verbreiten. Mein Antriebspunkt ist es hier, ein Gegengewicht zu setzen. Ich habe keinen Cent von der Windindustrie bekommen, ich nehme auch nichts von der Windindustrie und ich brauche auch nichts. 

Welche Studien können Sie denn Bürgerinnen und Bürger empfehlen, denen mit dem Thema Angst gemacht wird?
Eine meiner Lieblingsstudien ist die der Technischen Forschungsanstalt in Finnland. Sie haben in einem großen Windpark mit 17 Anlagen in der Drei-Megawatt-Klasse Schallmessungen in nur 200 Meter Entfernung zur nächsten Anlage durchgeführt. Gemessen wurde der komplette Schallbereich bis hinunter zu 0,1 Hertz und zwar über viele Monate. Die Messung mit dem höchsten Infraschall wurde dann ausgesucht und in einem speziellen Schallraum eins zu eins Versuchspersonen vorgespielt – und zwar in drei verschiedenen Varianten: Einmal die komplette Aufnahme, einmal ohne Infraschall nur mit den tieffrequenten und dem normalen Schall, einmal nur noch mit dem höherfrequenten Schall. Weder die Versuchsperson noch die durchführende Person wussten, welche der Aufnahmen abgespielt wurde. Das Ergebnis war: Es ist vollkommen irrelevant, ob die Aufnahmen mit oder ohne Infraschall waren. Das deckt sich auch mit allen unseren physikalischen Erkenntnissen. Wir Menschen sind schlicht und einfach nicht in der Lage, Infraschall zu detektieren. Wir können Infraschall nicht spüren – beziehungsweise nur dann, wenn die Schalldrücke so hoch sind, dass auch unser Ohr diesen wahrnehmen würde. Aber dazu braucht man solch extreme Schalldrücke, die nirgends auftreten. Bei der Windenergie liegen wir ohnehin weit, weit darunter. 

Zur Person: Dr. Stefan Holzheu ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bayreuth am Zentrum für Ökologie und Umweltforschung. Der promovierte Geoökologe/Umweltwissenschaftler hat sich intensiv mit dem Thema Infraschall beschäftigt und zahlreiche eigene Messungen durchgeführt. Aufgrund seiner Arbeit musste die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) ihre fehlerhaften Daten korrigieren, die jahrelang von Windenergie-Gegnern genutzt wurden.
 


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