16.11.2020 / Energie-Allee, Menschen / Thomas Hoch

Quarantäne im Solarpark

Ferlin Grace D. Gurro trägt als Elektroingenieurin die Verantwortung für den Betrieb eines großen Solarparks auf der philippinischen Insel Mindanao – und der ist inzwischen mehr als nur ihr Arbeitsplatz.

Als Ferlin am 30. März 2020 in den Solarpark Kirahon einzog, gab es dort ein Bett, einen Duschraum und eine Mikrowelle – eine Notausstattung für den Fall der Fälle. Dass in dem Betriebsführungs- Gebäude des Solarparks einmal jemand über Wochen, ja Monate leben würde, war jedenfalls nicht geplant.

Die Corona-Pandemie hat vieles verändert – das gilt ganz besonders für das Leben der juwi-Mitarbeiterin Ferlin Grace D. Gurro. Bis Ende März lebte sie in einem Gästehaus in Tagoloan und pendelte von dort täglich mit dem Bus in den einige Kilometer entfernten 12,5-Megawatt-Solarpark. Für ihre Vermieter war sie fast so etwas wie ein Familienmitglied, oft wurde sie nach der Arbeit zum Abendessen eingeladen. Ansonsten führte Ferlin das ganz normale Leben einer Mitte- 20-Jährigen: Sie traf sich ab und an mit Freunden in einem Café, schaute Filme oder machte Sport. Zwei bis dreimal im Monat fuhr sie rund 200 Kilometer ins Landesinnere der Insel, in ihre Heimatstadt Kibawe zu ihrer Familie und ihren Freunden. Es waren die Wochenenden, auf die sie sich besonders freute.

Inzwischen ist es schon mehrere Monate her, dass sie ihre Eltern und ihre beiden Schwestern besucht hat. Fast das komplette Leben von Ferlin spielt sich jetzt in dem 15 Hektar großen Solarpark ab. Dort arbeitet sie, dort kocht sie, und hier schläft sie auch. Nur einmal pro Woche – an ihrem freien Tag – verlässt sie das umzäunte und durch einen Wachdienst gesicherte Gelände. Dann geht sie einkaufen und versorgt sich mit allem, was sie für die nächste Woche braucht.

Eigene Entscheidung

Den Entschluss, in den Solarpark einzuziehen, fasste Ferlin ganz alleine. Irgendwann teilte sie ihren Vorgesetzten mit, dass sie es angesichts der aktuellen Corona-Lage für besser hielte, nicht mehr täglich zwischen ihrer Wohnung und ihrem Arbeitsplatz hin und her zu pendeln. Mitte März stiegen die Corona-Fallzahlen auf den Philippinen stark an, die Regierung reagierte mit Ausgangsbeschränkungen so wie viele andere Regierungen weltweit. Für Ferlin gab es allerdings eine Ausnahmegenehmigung. Solarparks gehören als Teil des Energiesektors zur kritischen Infrastruktur, und deren reibungsloser Betrieb genießt besondere Priorität – das ist auf den Philippinen nicht anders als in Deutschland.

„Ich habe aber gemerkt, dass es für die Menschen in meiner Umgebung zu einer Belastung wurde, dass ich mich trotz der hohen Infektionszahlen draußen bewege. Und ich selbst hatte auch Bedenken, dass ich mich auf dem Weg zum Solarpark infizieren könnte“, erzählt Ferlin. Also übernahm sie Verantwortung für sich und andere und traf eine sehr ungewöhnliche Entscheidung: freiwillige Quarantäne im Solarpark.

Für die Arbeitstage selbst macht das quasi keinen Unterschied. Als Betriebsführungs-Ingenieurin ist die junge Frau dafür verantwortlich, dass der Solarpark sicher und störungsfrei Strom produziert. Von ihrem Rechner im Betriebsführungs-Gebäude aus überwacht sie die Anlage, erstellt Auswertungen und reagiert, sobald Probleme auftreten. Dann ist die Fachfrau für Elektrotechnik in wenigen Minuten vor Ort, prüft Kabelverbindungen, misst Spannungen und tauscht im Bedarfsfall auch ein Bauteil aus. „Die professionelle Wartung und Instandhaltung des Parks zahlt sich aus: Seit seiner Inbetriebnahme liegen die Erträge des Parks bei 110 Prozent des Solls“, erzählt Ferlin stolz. Es ist natürlich auch ihr Verdienst.

Der Solarpark, für den sie verantwortlich ist, ist etwas Besonderes in der noch jungen Geschichte der Solarenergie auf den Philippinen. Es ist der erste große Solarpark auf den Philippinen, der auf Basis eines direkten Stromabnahme-Vertrags – eines sogenannten Power-Purchase-Agreements – mit einem lokalen Energieversorger gebaut wurde. Seit der Inbetriebnahme im Jahr 2015 versorgt der Betreiber Solar Pacific im Jahresschnitt nicht nur rund 24.000 philippinische Haushalte mit Solarstrom, der Park trägt auch entscheidend zur Netzstabilität bei. Inzwischen gibt es viel weniger Blackouts als früher.
Seit 2016 arbeitet Ferlin hier. Nach ihrem Hochschulabschluss als Elektroingenieurin hat sie bei juwi angefangen und schnell viel Verantwortung übernommen. „Das war am Anfang schon eine Herausforderung. Aber als ich gemerkt habe, dass ich den Aufgaben gewachsen bin, hat mich das zusätzlich motiviert“, erzählt sie. Mit ihrem Einzug in den Solarpark hat sie sich noch einer ganz anderen Herausforderung gestellt: einem Leben in weitgehender Isolation.

Tiefer Glaube

Nun ist Ferlin alles andere als eine Einzelgängerin. Die junge Frau wirkt lebenslustig, sie erzählt, wie wichtig ihr die Familie ist und wie gerne sie sich mit ihren Freunden trifft. Jetzt beschränkt sich der Kontakt zur Außenwelt bis auf wenige Ausnahmen auf Videochats, Telefongespräche und die sozialen Medien. Facebook, Instagram und TikTok spielen für Ferlin eine wichtige Rolle – da ist sie nicht anders als viele andere in ihrem Alter. Gleichwohl hat der Austausch über die sozialen Netzwerke in ihrem aktuellen Leben noch einmal eine ganz andere Bedeutung: So bekommt sie etwas aus dem Leben ihrer Freunde mit, und so kann sie ihr Leben zumindest ein Stückchen weit mit ihren Freunden teilen.

Neben den regelmäßigen Gesprächen mit Familie und Freunden ist es vor allem der Glaube, aus dem die junge Frau immer wieder Kraft in der Quarantänezeit zieht. Ferlin gehört der christlichen Gemeinde Jesus for All Nations and Network an, ist dort selbst in der Jugendarbeit aktiv. Auch während der vergangenen Monate hat sie sich regelmäßig zu Bibelstunden getroffen – die finden nun eben online statt.

Wenn sie über ihre Religion spricht, dann merkt man schnell, dass bei ihr der Glaube tief verwurzelt ist. „Als ich mich für die Stelle bei juwi beworben habe, habe ich dafür gebetet, und ich habe sie dann auch bekommen. Gott ist immer gut zu mir, er schützt mich und meine Familie. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Auch die Herausforderung, jetzt während der Pandemie im Solarpark zu leben, habe ich angenommen, weil ich weiß, dass ich auf Gott vertrauen kann. Er hat uns kein Leben auf Rosen versprochen, aber er hat uns versprochen, dass er uns niemals verlassen wird.“

Aus dieser positiven Überzeugung heraus macht Ferlin aus ihrem Leben im Solarpark das Beste. „Dadurch, dass ich mir den Arbeitsweg spare, habe ich jetzt mehr Freizeit. Ich habe zum Beispiel angefangen, Gemüse anzupflanzen“, erzählt sie. Neben dem Betriebsführungs-Gebäude wachsen inzwischen Auberginen, grüne Bohnen und Zitronengras. Die Bedingungen dafür sind gut. Das Klima ist mild, der Boden fruchtbar, und jetzt im August sorgt der Monsunregen für die tägliche Bewässerung.

Solarpark mit Meerblick

Wenn Ferlin von ihrem Leben im Solarpark und der Art, wie sie ihre Freizeit verbringt, erzählt, dann hört sich das ziemlich normal an. Sie singt und tanzt, macht Gymnastik und dreht ihre Joggingrunden durch den Solarpark. Dieser liegt nicht weit vom Meer entfernt; wenn man auf den großen Aussichtspodest steigt, kann man den Indischen Ozean erahnen. Es ist ein Ausblick zum Träumen. Aus Ferlins Quarantänezeit gibt es inzwischen unzählige Fotos vom Sonnenuntergang.

Vor Kurzem hat Ferlin Grace D. Gurro ihren 26. Geburtstag gefeiert. An diesem Tag hat sie sich ihr Lieblingsgericht, Spaghetti, gekocht und ihre Geburtstagsfeier dann per Video mit ihrer Familie und ihren Freunden zelebriert. Die philippinische juwi-Mitarbeiterin ist ganz offenbar mit einer ausgesprochen positiven Energie gesegnet. Aber eines steht auch fest: Den nächsten Geburtstag möchte sie dann doch wieder zusammen mit ihren Liebsten feiern.


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