16.05.2021 / Energie-Allee / Thomas Hoch

Warum mehr Tempo nötig ist

Auf dem Weg zur Klimaneutralität klafft in Deutschland eine erhebliche Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Um diese zu schließen, kommt dem Ausbau von Wind- und Solarenergie eine Schlüsselrolle zu.

Anfang Februar übergab eine Expertenkommission Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier den Monitoringbericht „Energie der Zukunft“. Wo steht Deutschland beim Umbau seines Energiesystems und damit auf dem Weg zur Klimaneutralität? Die Ergebnisse, die Altmaier präsentiert bekam, lassen durchaus Raum für Interpretationen. Im Stromsektor haben die erneuerbaren Energien inzwischen einen Anteil von 47 Prozent erreicht. Das ist beachtlich und sogar mehr als die schwarzgelbe Regierung im Jahr 2013 veranschlagt hatte. Allerdings: Kritiker hatten die Ausbauziele auch damals schon als wenig ambitioniert bemängelt. Hinzu kommt das augenfällige Nachhinken im Wärme- und Verkehrsbereich sowie bei der Energieeffizienz – alles Punkte, die auch im Monitoringbericht benannt werden. Der vielleicht wichtigste Satz von Andreas Löschel, dem Chef der Expertenkommission für den Monitoringbericht, lautete denn auch: „Wir müssen die Schlagzahl erhöhen, wenn wir die Ziele für 2030 erreichen wollen.“ 

Betrachtet man den fortschreitenden Klimawandel, dann müsste man eigentlich sagen: Die Ziele müssen erreicht werden. Zur Erinnerung: Quasi die gesamte Weltgemeinschaft hat sich im Pariser Klimaabkommen 2015 darauf geeinigt, die Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter auf deutlich unter zwei Grad Celsius – möglichst auf 1,5 Grad – zu begrenzen. Nur so, das sagten nahezu alle Klimaforscher schon damals, können die Folgen des Klimawandels auf ein noch vertretbares Ausmaß begrenzt und gefährliche Kipppunkte fürs Klima höchstwahrscheinlich vermieden werden. An dieser Erkenntnis hat sich seitdem nichts Wesentliches geändert. Die Dringlichkeit ist allerdings weiter gestiegen. 
 

Mitte Januar vermeldete die Welt-Wetterorganisation WMO für 2020: Die globale Durchschnittstemperatur lag 1,2 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Die Zahl ist kein Ausreißer. Sie bestätigt vielmehr einen Trend, der sich in der zurückliegenden Dekade noch einmal verstärkt hat: Neun der zehn heißesten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen lagen zwischen 2010 und 2020. In Deutschland ist der Trend sogar noch ausgeprägter, die Durchschnittstemperaturen sind hier inzwischen schon um 1,6 Grad gestiegen. 

Die Zeit drängt also – und das erklärt, warum nicht mehr nur Klimaaktivisten und Wissenschaftler, sondern auch immer mehr Unternehmen Druck auf die Politik ausüben: Selbst energieintensive Konzerne wie ThyssenKrupp, BASF und HeidelbergCement drängen inzwischen in einer gemeinsamen Initiative die Politik zu einer engagierteren Klimaschutz-Politik. Ihre Forderungen: klare Rahmenbedingungen für die künftigen Investitionen in klimaschonende Produktionsverfahren und ein beschleunigter Ausbau der erneuerbaren Energien. 

Der Handlungsdruck ist auf politischer Ebene durchaus angekommen. Im Dezember des vergangenen Jahres haben die Staats- und Regierungschefs das EU-Klimaziel für 2030 von 40 auf mindestens 55 Prozent angehoben. Bis 2050 soll die gesamte EU klimaneutral sein. Für Deutschland heißt das mit Blick auf die kommenden zehn Jahre: Das bisherige CO2- Minderungsziel für 2030 muss um zehn Prozentpunkte auf 65 Prozent erhöht werden. 
 

In Deutschland hakt es allerdings. Zwar konnten die CO2-Minderungsziele 2020 auf den letzten Drücker doch noch erreicht werden – aber das lag vor allem an der Corona-Pandemie. Jetzt müssen die Weichen für den weiteren Umbau gestellt werden. Schon bisher gab es erhebliche Zweifel, dass mit den bislang beschlossenen Maßnahmen die aktuellen Klimaziele erreicht werden können. Die neuen, EU-weiten Klimaziele erhöhen nun den Handlungsdruck. Dies wird inzwischen auch von mehreren Studien offen dargelegt, die sich eingehend mit dem Weg zur Klimaneutralität beschäftigt haben. 

Studie weist Weg zur Klimaneutralität 

Im November 2020 wurde der viel beachtete Bericht „Klimaneutrales Deutschland“ veröffentlicht. Im Auftrag von Agora Energiewende, Agora Verkehrswende und der Stiftung Klimaneutralität haben das Institut Prognos, das Öko-Institut und das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie beschrieben, wie Deutschland bis 2050 klimaneutral werden kann. 
Die Autoren fassen die Ergebnisse ihrer rund 180 Seiten dicken Studie in vier zentralen Aussagen zusammen: 

  • Ein klimaneutrales Deutschland 2050 ist technisch und wirtschaftlich im Rahmen der normalen Investitionszyklen in drei Schritten realisierbar. 
  • Der Weg in die Klimaneutralität ist ein umfassendes Investitionsprogramm, vergleichbar mit dem Wirtschaftswunder in den 1950/60er-Jahren. 
  • Das als Teil des European Green Deal angepasste deutsche Klimaziel 2030 von minus 65 Prozent Treibhausgasen bedeutet eine deutliche Beschleunigung der Energie-, Verkehrs- und Wärmewende. 
  • Die Weichen für die Klimaneutralität 2050 und für eine Reduktion der Treibhausgase um 65 Prozent bis 2030 werden in der nächsten Legislaturperiode gestellt. 

Beleuchtet werden alle Sektoren von der Industrie über die Landwirtschaft, den Verkehrssektor und den Gebäudebereich bis hin zur Abfallwirtschaft. Der Energiewirtschaft kommt allerdings als größter CO2-Emittentin eine Schlüsselrolle zu, zumal andere Sektoren wie Industrie, Verkehr und der Gebäudebereich eng mit dem Energiesektor gekoppelt sind. 
 

Eine zentrale Erkenntnis: Vor allem beim Thema Stromverbrauch sind die bisherigen Annahmen der Bundesregierung, die von einem gleichbleibenden Niveau ausgehen, längst überholt. Die Elektrifizierung von Mobilität und Wärmeversorgung wird zu einem deutlichen Anstieg des Stromverbrauchs führen, selbst wenn man von einer effizienteren Energienutzung ausgeht. In der Agora-Studie gehen die Autoren von einem Verbrauchsanstieg bis 2030 um neun Prozent, also um 51 Terawattstunden bis 2030 gegenüber 2018 aus, bis 2050 werden es nach den Prognosen der Agora-Studie sogar 50 Prozent mehr sein. 

Ausbautempo bei den Erneuerbaren erhöhen 

Übersetzt heißt das: Das Ausbautempo bei den Erneuerbaren muss deutlich erhöht werden. Die Autoren der Studie „Klimaneutrales Deutschland“ halten bis 2030 einen Erneuerbaren-Anteil am Bruttostromverbrauch von 70 Prozent für notwendig – und für machbar. Dazu müsste die Offshore-Windkraft auf 25 Gigawatt, die Onshore-Windkraft auf 80 Gigawatt und die Photovoltaik auf 150 Gigawatt ausgebaut werden. 
 

Wo steht Deutschland aktuell? Zum Jahreswechsel 2020 waren knapp 55 Gigawatt Onshore-Windkraft-, 7,8 Gigawatt Offshore-Windkraft- und 53 Gigawatt Photovoltaik-Leistung in Deutschland installiert. Während sich im Solarbereich mit einem Zubau von 5,5 Gigawatt der Aufwärtstrend der letzten beiden Jahre fortsetzt, dümpelt der Windenergie-Ausbau weiter dahin. Gerade einmal 417 Anlagen mit rund 1,4 Gigawatt wurden 2020 in Betrieb genommen. In Bayern hat die 10-H-Regelung den Ausbau der Windenergie quasi zum Erliegen gebracht. Im Jahr 2019 wurden im flächenmäßig größten Bundesland gerade einmal sieben Anlagen gebaut, 2020 waren es neun. 
Nun hat die Bundesregierung Ende 2020 noch einmal eine EEG-Novelle verabschiedet, in der auch die Ausschreibungsmengen angehoben wurden. Bis 2028 werden im Mittel circa 3,9 Gigawatt Windenergie-Leistung an Land pro Jahr ausgeschrieben, für die PVFreifläche sind es jährlich circa 1,7 Gigawatt. Stellt man diesen Werten allerdings die in der Agora-Studie beschriebenen Notwendigkeiten gegenüber, dann offenbart sich die Ausbaulücke in ihrer ganzen Breite: Notwendig wären 4,5 Gigawatt Wind onshore und zehn Gigawatt Photovoltaik. Die Weichen dafür muss die kommende Bundesregierung stellen. 
 


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